In der Zeit / Aus der Mode

Fashionblogs und optische Modetelegraphie

Nicht mit­zu­be­kom­men, dass die 80s ziem­li­ch 2009 sind, ist bestimmt pein­li­ch. Bei Stil in Ber­lin anzu­ge­ben, die Hand­ta­sche sei „Vin­ta­ge from Stock­holm“, weil man ver­passt hat, dass seit der vori­gen Woche nur noch „found on a bus in War­saw“ legi­tim ist, gleicht sozia­ler Selbst­ver­stüm­me­lung. Ange­sichts der kon­tem­po­rä­ren Kon­junk­tur von Fashion­blogs und der hohen Fre­quenz dar­in ange­kün­dig­ter Sti­le, Trends und Sprech­wei­sen, scheint es hoff­nungs­los unmög­li­ch, jemals à la mode zu sein.

Die Eupho­rie über eine (begrenz­te) Demo­kra­ti­sie­rung der Mode durch Blogs[1] ist dabei nicht mehr als der kläg­li­che Ver­su­ch, die eige­ne Unsi­cher­heit, die durch eben die­se Plu­ra­li­sie­rung noch poten­ziert wird, zu kaschie­ren. Die Ori­en­tie­rungs­punk­te modi­scher Nach­ah­mung schei­nen sich im Inter­net zwi­schen Schwarm­m­e­ta­phern und Vor­stel­lun­gen von Gleich­zei­tig­keit zu ver­lie­ren. In Zei­ten, in denen Jeder und Jede die Gene­se des eige­nen Geschmacks aus natür­li­cher Intui­ti­on behaup­tet, ist der Begriff der ›Nach­ah­mung‹ so ein­zig als Zuschrei­bung auf ande­re viru­lent.

In den Medi­en der deut­schen Mode­welt um 1800 gestal­te­te sich die­ses Bild noch anders. Damals gab es für Mode­kon­su­men­ten zwei legi­ti­me Vor­bil­der: Lon­don und Paris. Was aus die­sen Städ­ten kam, galt in unhin­ter­geh­ba­rer Ver­bind­lich­keit als Refe­renz­punkt der eige­nen Stil­bil­dung. Für Sicher­heit sorg­te die­ser Umstand aller­dings nicht. In vie­ler Hin­sicht war das Wett­ren­nen um die neus­ten Moden dem heu­ti­gen sogar ähn­li­ch. Dafür spricht ein 1802 im von Fried­rich Jus­tin Ber­tuch und Mel­chi­or Kraus her­aus­ge­ge­be­nem Jour­nal des Luxus und der Moden ver­öf­fent­lich­ter Arti­kel mit dem Titel Auf­ruf an die Mode­welt, zur Errich­tung eines Mode-Tele­gra­phen, der in sei­ner sowohl inhalt­li­ch als auch sprach­li­ch über­spitz­ten Iro­nie wohl einen der frü­hes­ten Fin­ger­zei­ge auf den Zusam­men­hang zwi­schen der media­len Kom­mu­ni­ka­ti­on über/von Mode und das Wis­sen um deren Ver­gäng­lich­keit gibt.

Der anony­me Ver­fas­ser beschreibt, wie ihm auf einer Eng­land-Rei­se eine modi­sche Bla­ma­ge nach der ande­ren wider­fährt. Vor dem Betre­ten des Schif­fes hat­te er sich in Ham­burg noch ein­mal nach neus­tem Stand auf eng­li­sche Art ein­klei­den las­sen. Nach einer durch Wind­stil­le in die Län­ge gezo­ge­nen, zwei­wö­chi­gen Rei­se in Lon­don ange­kom­men, muss er jedoch erschüt­tert fest­stel­len, dass er nie­man­dem „von Stan­de“ mehr ähn­li­ch sieht: „höchs­tens einem Schnei­der oder Laden­die­ner und übri­gen Nobo­dies“. So schnell hat­te die Mode sich in der Zwi­schen­zeit gewan­delt.

Die ständige Ungewissheit: ist mein Häubchen noch IN? Quelle: Journal des Luxus und der Moden
Die stän­di­ge Unge­wiss­heit: ist mein Häub­chen noch IN?
Quel­le: Jour­nal des Luxus und der Moden, Jahr­gang 6 (1791), Heft 9.

In Lon­don lässt der Para­noi­ker der Zeit­ge­nos­sen­schaft sei­ne Gar­de­r­obe also auf den neu­es­ten Stand brin­gen und begibt sich, eines modi­schen Tri­um­phes in der Hei­mat sicher, auf den Rück­weg nach Deutsch­land. Von wid­ri­gem Wet­ter behin­dert, dau­ert die Rei­se jedoch aber­mals über­durch­schnitt­li­ch lan­ge, so dass sei­ne Klei­der bei der Ankunft in Ham­burg bereits all­seits bekannt schei­nen:

Daß der Schnei­der noch den­sel­ben Abend – that very night – kom­men mus­s­te, ver­steht sich – cela s’entend. Ich reis­te hier­auf Tag und Nacht, à corps per­du, und en cou­rier, bis ich in unse­rer Resi­denz [Wei­mar] ankam, und hat­te doch nun noch die Satis­fak­ti­on, ein­mal eine gänz­li­che Revo­lu­ti­on in den Gar­de­ro­ben zu bewir­ken; denn die hohen Kra­gen, wel­che ich mit­ge­bracht hat­te, lang­ten erst 8 Tage, und die Ent­en­schnä­bel gar erst 11 Tage und 15 Stun­den nach mir hier an, und waren schon bei­na­he wie­der pas­sirt, als sie kamen.[2]

Aus den ernied­ri­gen­den Erfah­run­gen und dem Gefühl, der Mode ewig hin­ter­her zu rei­sen, ent­springt dem Ver­fas­ser die Idee eines opti­schen Tele­gra­phen­sys­tems, das dem noto­ri­schen Pro­blem der deut­schen Mode­pro­vinz zukünf­tig Abhil­fe schaf­fen soll. Das Modell ist ein­fach und auf­wän­dig zugleich: von Haus­dach zu Haus­dach wer­den modi­sche Ver­än­de­run­gen über einen opti­schen Tele­gra­phen über­mit­telt. Der „Mut­ter­te­le­gra­ph“ besteht aus einem Glie­der­mann, der codier­te Hand- und Fuß­stel­lun­gen ein­nimmt, über die sich Nach­rich­ten kom­mu­ni­zie­ren las­sen. Die­se wer­den vom nächs­ten Haus­dach per Fern­rohr beob­ach­tet und dort direkt auf einen wei­te­ren Glie­der­mann über­setzt, der vom wie­der­um nächs­ten Dach aus beob­ach­tet und dort aber­mals über­setzt wird usw.: So wür­de das Sys­tem von Lon­don bis Wei­mar rei­chen.

Finan­ziert wer­den sol­le das Pro­jekt durch Spen­den von 10.000 Per­so­nen „von Stan­de“, die jeweils 100 Pfund in eine gemein­sa­me Kas­se – „the tre­a­su­re of fashion“ – ein­zah­len. Als ein Sys­tem der Inklu­si­on und Exklu­si­on sol­len die Tele­gra­phen den edlen Per­so­nen­kreis künf­tig vor modi­schen Pein­lich­kei­ten bewah­ren:

…so wären wir dann im Stan­de, täg­li­ch und stünd­li­ch, im eigent­li­chen Sin­ne modi­sch geklei­det zu seyn, modi­sch zu stehn, zu gehen, zu rei­ten, zu fah­ren, zu essen, zu trin­ken, zu spie­len, zu schla­fen; und in ganz Euro­pa hät­te die fei­ne Welt nur einen Ton, nehm­li­ch den guten; und wir kämen nie out of fashion, aus der Mode, und der gemei­ne Mann nie hin­ein, wenigs­tens nicht eher, als wenn wir schon wie­der her­aus wären, also immer zu spät; – und wir mach­ten uns nie lächer­li­ch.[3]

Ob die­ser Plan ern­st gemeint war oder nicht, ist ganz uner­heb­li­ch. Auch als Par­odie zeugt er von einem Zeit­geist, der die Mode anhand ihrer Flüch­tig­keit defi­niert. Durch das Phan­tas­ma eines geschei­ter­ten Mode­f­a­na­ti­kers offen­bart der Bericht zugleich die Unmög­lich­keit, die Zeit ein­zu­fan­gen und still­zu­le­gen. Obgleich die Linea­ri­tät einer topi­sch fixier­ba­ren Vor­herr­schaft der Mode – die in der Kon­kur­renz zwi­schen Lon­don und Paris nicht ohne natio­na­lis­ti­sche Unter­tö­ne dis­ku­tiert wur­de – durch das Inter­net in Form glo­bal dyna­mi­sier­ter Pro­zes­se sub- und pop­kul­tu­rel­ler Aneig­nun­gen zumin­dest gra­du­ell auf­ge­ho­ben sein mag, über­le­ben die Ver­spre­chen von Gleich­zei­tig­keit und Zeit­lo­sig­keit auch in Fashion­blogs als rhe­to­ri­sche Resi­du­en der Kon­ver­genz von Mode und Moder­ne. Begrif­fe wie à la mode und indé­mo­da­ble als Ver­nei­nun­gen des in der Zeit Seins blei­ben nur ver­mit­telt durch ihr kon­sti­tu­ti­ves Kom­ple­ment, die Ver­gäng­lich­keit, denk­bar, gegen deren Unüber­wind­bar­keit immer wie­der zwi­schen Eupho­rie und Ver­zweif­lung ange­rannt wer­den darf:

Zu allen Zei­ten mag es schwer gehal­ten haben, ein Mann com­me il faut zu sein; aber in unsern Tagen kann man es, Gott ver­damm’ mich, anfan­gen wie man will, man ist immer und ewig com­me il ne faut pas, und möch­te auf der Stel­le des Teu­fels wer­den.[4]

Dass das 1786 als zwei­tes deut­sches Mode­ma­ga­zin gegrün­de­te Jour­nal des Luxus und der Moden als ein noch rela­tiv jun­ges Medi­um den Vor­schlag zur Errich­tung eines Sys­tems ver­öf­fent­lich­te, das die eige­ne Red­un­danz her­bei­ge­führt hät­te, mag zuletzt als wie­der­um iro­ni­sche Klam­mer für die impli­zi­te Ein­sicht gele­sen wer­den, dass zwi­schen der Mode und ihren Kon­su­men­ten viel­leicht zwar immer wie­der ein­mal ein neue­res, noch ein­mal beschleu­nig­tes und beschleu­ni­gen­des, jeg­li­chem Ver­spre­chen von Unmit­tel­bar­keit zum Trotz aber immer bloß ein ande­res Medi­um ste­hen bleibt.

[1] http://www.textezurkunst.de/78/mode-der-stadt/
[2] Unsigniert: Aufruf an die Modewelt, zur Errichtung eines Mode-Telegraphen, in: Friedrich Justin Bertuch / Melchior Kraus [Hrsg.]: Journal des Luxus und der Moden, Jahrgang 17, Februar, Weimar 1802, S. 66 – 70, hier S. 68. sic!)
[3] Ebd., S. 70. sic!
[4] Ebd., S. 66.

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