Please don’t f*** me, you’re ERASMUS

Am Mon­tag fan­den sich alle Aus­tausch­stu­die­ren­den in einem gro­ßen Hör­saal ein. Das zustän­di­ge Dépar­te­ment der Uni­ver­sité Paris VIII – Vin­cen­nes – Saint-Denis hat­te für die zwei Wochen vor Semes­ter­be­ginn ein Will­kom­mens­pro­gramm orga­ni­siert, das neben Sprach­kur­sen an den Vor­mit­ta­gen auch gemein­sa­me Stadt­tou­ren an den Nach­mit­ta­gen vor­sah. Die Begrü­ßung des Komi­tees war sehr chao­ti­sch, mit stän­di­gen gegen­sei­ti­gen Kor­rek­tu­ren und Unter­bre­chun­gen. Das ein­zig kom­pak­te Ele­ment stell­te eine kur­ze Anspra­che des Uni­ver­si­täts­prä­si­den­ten dar, der unver­mit­telt im Saal erschien, das Mikro­fon mit abge­spreiz­tem Fin­ger hal­tend freund­li­ch gemein­te Flos­keln von sich gab und unter auf däm­li­che Art von die­sem gelack­ten Geha­be beein­druck­tem Applaus wie­der von der Büh­ne und auf direk­tem Weg aus dem Saal ver­schwand. Ein gera­de­zu staats­män­ni­scher Auf­tritt, der nicht recht in die lus­ti­ge Atmo­sphä­re der Ver­an­stal­tung pas­sen woll­te, aber nie­man­dem so recht pein­li­ch zu sein schien.

Die gan­ze Zeit über hat­ten im Hin­ter­grund zwei Stu­den­ten und eine Stu­den­tin der Uni­ver­si­tät gestan­den, von denen beson­ders einer durch die Auf­schrift sei­nes T-Shirts auf­fiel, das weiß auf schwarz in Groß­buch­sta­ben „F*** ME I’M ERASMUS“ schrie. Post-Iro­ny gone wrong. Als der nicht vor­han­de­ne Ablauf­plan an dem Punkt ange­langt war, an dem die­se drei Frei­wil­li­gen sich vor­stel­len durf­ten, kün­dig­te besag­ter mec einen bal­di­gen Ken­nen­lern­aus­flug in die Nor­man­die an und ver­pass­te es bei die­ser Gele­gen­heit nicht dar­auf hin­zu­wei­sen: Paris sei eine gefähr­li­che Stadt, in der man gut auf sei­ne Wert­sa­chen auf­pas­sen müs­se. Dass er sich als Beschüt­zer zur Ver­fü­gung stel­len wür­de, stand ja auf sei­nem über die Wam­pe gespann­ten T-Shirt. Bloß nicht in die­se Bla­se gera­ten. Das Ver­wun­der­li­che an einem ERAS­MUS-Jahr ist ja, dass die meis­ten Teil­neh­men­den Kon­takt zu Men­schen aus allen Län­dern der Welt haben, nur nicht zu denen des Gast­ge­ber­lan­des. Abge­se­hen von Erschei­nun­gen wie die­sem Hel­fer­team.

Für die zwei Vor­be­rei­tungs­wo­chen blie­ben mir also nur die the­ma­ti­sch auf­ge­bau­ten Sprach­kur­se an den Vor­mit­ta­gen. Die The­men kreis­ten um das kul­tu­rel­le Leben in Frank­reich, Lite­ra­tur, Pres­se oder Film. Den Höhe­punkt stell­te der Kurs über Mythen und Ste­reo­ty­pe dar. Ein Hau­fen aus allen Him­mels­rich­tun­gen zähl­te leicht­fer­tig infan­til die gän­gi­gen Vor­ur­tei­le über Frank­reich und ›die‹ Fran­zo­sen auf. Der Duk­tus der Ver­an­stal­tung lau­te­te: ›Aber es sind ja nur Vor­ur­tei­le.‹ und dann mit einem schel­mi­schen Zwin­kern: ›Aber man­che haben wohl doch einen wah­ren Kern.‹ Zwin­ker, zwin­ker, kotz. Wel­ches Wort wird die Polin, die aus Lie­be zu einem Fran­zo­sen nach Paris gezo­gen ist, wohl an die Tafel schrei­ben? (Bestimmt nicht ›la hai­ne‹.) Oder der bra­si­lia­ni­sche Film­stu­dent? (Schon eher ›La Hai­ne‹.) Die Dozen­tin teil­te jeden Begriff einer von vier Spal­ten zu: ganz links die als sehr posi­ti­ven bewer­te­ten Begrif­fe, ganz rechts die sehr nega­ti­ven. Dass sie das Wort ›patrio­tis­me‹ an einer gera­de­zu links­ra­di­ka­len Uni­ver­si­tät in eine Spal­te mit ›raf­fi­ne­ment‹ und ›cul­ti­vé‹ schrieb, ver­wirr­te mich. Nega­ti­ver wur­de die angeb­li­che Arro­ganz der Fran­zo­sen und Fran­zö­sin­nen ein­ge­ord­net, wel­che beson­ders von einem geschwät­zi­gen Bra­si­lia­ner beklagt wur­de. Die Unfreund­lich­keit der Men­schen auf der Stra­ße sei uner­träg­li­ch. In Rio de Janei­ro neh­me man Gäs­te wesent­li­ch offe­ner und herz­li­cher in Emp­fang. Die Fran­zo­sen im All­ge­mei­nen und die Pari­ser im Beson­de­ren hin­ge­gen sei­en unfreund­li­che und gera­de­zu igno­ran­te Indi­vi­dua­lis­ten. Es wur­den wirk­li­ch sol­che Sät­ze gesagt.

Als ich spä­ter in der Men­sa zu Mit­tag aß, luden mich zwei freund­li­che Spa­nie­rin­nen zu sich an den Tisch ein. Bei Pom­mes mit Gemü­se und Flei­sch stell­ten wir uns in gebro­che­nem Fran­zö­si­sch vor und ver­such­ten, ver­schie­de­ne Stan­dard­fra­gen über unse­re Parisauf­ent­hal­te zu klä­ren. Im Grun­de eben­so unin­ter­es­sant. Nach­dem wir auch am nächs­ten Tag gemein­sam geges­sen hat­ten, frag­ten sie mich, ob ich Abends mit ihnen und ein paar Freun­din­nen etwas trin­ken und dana­ch auf eine ERAS­MUS-Par­ty gehen wür­de. Ich sag­te, dass ich bestimmt nicht auf eine ERAS­MUS-Par­ty gehen wer­de, wir uns aber ger­ne vor­her zum Bier­trin­ken tref­fen könn­ten.

Am frü­hen Abend schick­ten die bei­den mir die Adres­se einer Bar am Mont­par­nas­se. Bei der Ankunft die ers­te Kata­stro­phe: es han­del­te sich um ein Irish Pub mit unzäh­li­gen Rie­sen­flach­bild­schir­men, auf denen Fuß­ball gezeigt wur­de. Ich schlürf­te ein über­teu­er­tes Kro­nen­bourg und frag­te mich, wer denn nach Paris zieht, um in ein Irish Pub zu gehen. Als ich mich wenig spä­ter wie­der in Rich­tung der Bar begab, um ein zwei­tes Bier zu bestel­len, fiel mir auf, dass sich der Laden signi­fi­kant gefüllt hat­te. Das kam mir für ein Pari­ser Irish Pub an einem Don­ners­tag um 23:00 Uhr merk­wür­dig vor. Ehe ich mich ver­sah, wur­den die Tische und Stüh­le zur Sei­te geräumt, ein ›DJ‹ begann ›auf­zu­le­gen‹ und die zwei­te Kata­stro­phe war ein­ge­tre­ten: ich befand mich mit­ten auf einer ERAS­MUS-Par­ty.

Das Publi­kum war die Kari­ka­tur des Stu­den­ten-Hor­rors: ange­zo­gen wie Siebt­kläss­ler, von der zwi­schen Chart­tran­ce und spa­ni­schem Beach­hou­se schwan­ken­den Musik zu bei­na­he ins Hys­te­ri­sche kip­pen­der Eupho­rie auf­ge­peitscht, ent­spre­chend äußer­st trink- und tanz­wü­tig und schon nach fünf Minu­ten bis zum Trie­fen ver­schwitzt, ange­tre­ten zu inter­na­tio­na­lem Kör­per­kon­takt, kom­me da was bzw. wer wol­le. Das war Kin­der­dis­co für Ein­und­zwan­zig­jäh­ri­ge. Ich erklär­te den Spa­nie­rin­nen, dass ich es nicht län­ger dort aus­hal­ten wür­de. Das sei okay, beru­hig­ten sie mich lachend, die Ber­li­ner sei­en eben gen­au wie die Pari­ser: arro­gan­te Indi­vi­dua­lis­ten, die kei­nen Spaß haben kön­nen. So been­de­te auch ich den Abend als Kli­schee.

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