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Die Aus­stel­lung New For Now. The Ori­gin of Fashion Maga­zi­nes im Rijks­mu­se­um, Ams­ter­dam (12. Juni – 27. Sep­tem­ber 2015)

Auch als Echo auf das Auf­kom­men von Fashion­blogs und die Dis­kus­si­on um deren – von ‚oben’ zunächst arro­gant belä­chel­tes, von ‚unten’ vor­schnell als ›Demo­kra­ti­sie­rung der Mode‹[1] eupho­ri­sier­tes – struk­tur­wand­le­ri­sches Poten­ti­al in Kon­kur­renz zu eta­blier­ten Print­ma­ga­zi­nen, hat eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te euro­päi­scher Mode­zeit­schrif­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an Kon­tur gewon­nen. Mit New for Now. The Ori­gin of Fashion Maga­zi­nes wid­met nun das Rijks­mu­se­um in Ams­ter­dam den frü­hen Maga­zi­nen und ihren Vor­läu­fern eine Son­der­aus­stel­lung. Die­se umfasst eine Zeit­span­ne vom 16. bis zum frü­hen 20. Jahr­hun­dert und situ­iert sich damit dezi­diert vor der Ent­ste­hung der Mode­pho­to­gra­phie.

Auf­ge­teilt ist die Aus­stel­lung in drei Haupt­räu­me. Ein am Ein­gangs­por­tal instal­lier­tes, mecha­ni­sches Dau­men­ki­no, in dem von links nach rechts die schwar­ze Skiz­ze einer sich mit den Moden der Zeit wan­deln­den Damen­sil­hou­et­te wan­dert, sug­ge­riert in Ver­bin­dung mit dem ambi­tio­nier­ten Unter­ti­tel zunächst ein chro­no­lo­gi­sch auf­ge­bau­tes, medi­en­his­to­ri­sches Nar­ra­tiv. Tat­säch­li­ch aber ist der Raum zu den Kos­tüm­bü­chern des 16. und 17. Jahr­hun­derts nur über den­je­ni­gen zum 19. und 20. Jahr­hun­dert, die­ser wie­der­um über den Raum zum 18. und 19. Jahr­hun­dert zugäng­li­ch. Die­se Struk­tur ergibt sich aus der Iden­ti­fi­zie­rung des erst­mals am 15. Novem­ber 1785 publi­zier­ten Cabi­net des Modes ou les Modes Nou­vel­les als „first real fashion maga­zi­ne“, das im ers­ten Raum aus­ge­stellt wird. Die Kos­tüm­bü­cher bil­den dem­ge­gen­über ledig­li­ch eine Art Vor­ge­schich­te, die den ‚ech­ten’ Mode­ma­ga­zi­nen nicht line­ar vor­ge­la­gert, son­dern der Chro­no­lo­gie ent­rückt wird. Die Sug­ges­tiv­kraft räum­li­cher Suk­zes­si­on hin­sicht­li­ch eines his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­nar­ra­tivs ist dadurch gebro­chen.

Die­se kura­to­ri­sche Ent­schei­dung macht durch­weg Sinn – zumin­dest, wenn damit zugleich die The­se anvi­siert wird, dass mit dem Auf­kom­men von Mode­jour­na­len im spä­ten 18. Jahr­hun­dert ein para­dig­ma­ti­scher Wan­del in der Kon­sti­tu­ti­on von ‚Mode’ als Dis­kursphä­no­men ein­tritt. Dafür lie­ße sich zum Bei­spiel mit dem Hin­weis argu­men­tie­ren, dass ‚Mode’ in den Zeit­schrif­ten über­haupt erst­mals zum Gegen­stand eines öffent­li­chen, nun auch bür­ger­li­chen Dis­kur­ses erho­ben wird. Für sol­che im regel­recht irre­füh­ren­den Unter­ti­tel ange­kün­dig­ten Fra­ge­stel­lun­gen aber bie­tet New for Now kei­ne Anschluss­punk­te. Aus­ge­stellt wer­den hier ledig­li­ch die in den Zeit­schrif­ten erschie­ne­nen Kup­fer­sti­che, wäh­rend die in vie­len Publi­ka­tio­nen nicht auf blo­ße Bild­be­schrei­bun­gen redu­zier­ten Tex­te aus­ge­klam­mert blei­ben. Gera­de die Iden­ti­fi­ka­ti­on des spä­ten 18. Jahr­hun­derts als Ent­ste­hungs­mo­ment der ers­ten ‚ech­ten’ Mode­ma­ga­zi­ne hät­te, in Ergän­zung zum medi­en- und kunst­his­to­ri­schen Flucht­punkt des Argu­ments, einer zusätz­li­ch ide­en- oder dis­kurs­ge­schicht­li­ch ori­en­tier­ten Plau­si­bi­li­sie­rung anhand der unzäh­li­gen kon­tem­po­rä­ren Essays, Anek­do­ten, Kor­re­spon­den­zen, Oden und Kla­ge­lie­der über ‚Mode’ (und ‚Luxus’) bedurft.

Limi­tiert ist die, online um 8.000 Kup­fer­sti­che ergänz­te,[2] Aus­stel­lung somit auf die Geschich­te von Mode­ma­ga­zi­nen als spe­zi­fi­scher Bild­pra­xis, gewinnt aber auch als sol­che, etwa hin­sicht­li­ch der nor­ma­ti­ven Kon­struk­ti­on und dem geschicht­li­chen Wan­del von Kör­per- und Geschlech­ter­bil­dern, nie­mals theo­re­ti­sch und/oder his­to­ri­sch fun­dier­te Tie­fe. Pri­mär setzt New for Now auf pik­to­ra­le Selbst­evi­denz und das Spek­ta­kel schö­ner, kurio­ser Bil­der aus alten Zei­ten, miss­lingt aber auch als blo­ßes Bild-Enter­tain­ment, wenn etwa ein rat­tern­des Zoe­tro­pe – ein mecha­ni­scher Bewegt­bild­ap­pa­rat aus dem 19. Jahr­hun­dert – im Kon­text des 16. und 17. Jahr­hun­derts auf­ge­stellt wird.

Der im Gegen­satz zur Aus­stel­lung streng chro­no­lo­gi­sch auf­ge­bau­te Kata­log kann die­se Miss­ver­hält­nis­se nicht auf­fan­gen. Wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze feh­len kom­plett und auch die bes­ten­falls ober­fläch­li­chen Begleit­tex­te sind gänz­li­ch ohne Fuß­no­ten ver­fasst. Ihr durch radi­ka­le Ver­kür­zun­gen ins sach­li­ch Fal­sche kip­pen­der Infor­ma­ti­ons­ge­halt wird am Ende des Ban­des nicht biblio­gra­phi­sch unter­stützt. Als Urlaubs­sou­ve­nir mag die­ses Bil­der­buch tau­gen, für eine ver­tie­fen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te vom Ursprung der Mode­zeit­schrif­ten ist es nicht geeig­net.

Da New for Now nur inte­griert in das – mit 17,50 Euro nicht gera­de nied­rig taxier­te – Tages­ti­cket des Rijks­mu­se­ums zugäng­li­ch ist, scheint der kura­to­ri­sche Anspruch zwar ohne­hin nicht in einem sich selbst tra­gen­den Kon­zept gele­gen haben. Gemes­sen am voll­mun­di­gen Unter­ti­tel ent­täu­schen Aus­stel­lung und Kata­log den­no­ch.

Was bleibt, sind wirk­li­ch schö­ne Bil­der.

[1] Vgl. Titton, Monica: Mode in der Stadt. Über Street-Style-Blogs und die Grenzen einer Demokratisierung von Mode, in: Texte zur Kunst, 78 (Juni 2010), https://www.textezurkunst.de/78/mode-der-stadt/
[2] https://www.rijksmuseum.nl/en/new-for-now

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