Thomas Bernhard: ‚Die Kälte‘ (1981)

Keine zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich mir infolge der Diagnose Asthma bronchiale für einen kurzen, schreckhaften Moment die Möglichkeit einbildete, in der Tradition von Proust und Kafka lungenkranker Schriftsteller zu werden. Was mir damals weniger als ein nun naheliegender Beruf, denn als eine physische Anrufung erschien, hat sich in der Zwischenzeit in keinerlei literarischer Anstrengung manifestiert. Offensichtlich ist meine Krankheit nicht stark genug, um so etwas wie ‚Talent’ hervorzubringen und auch der Gedanke an das Schicksal eines frühen Todes mag mich davon abgehalten haben, diesen Weg konsequent zu verfolgen. Als ich gestern am frühen Abend – angeregt von einer Rezension, die Rainald Goetz 1981 in DER SPIEGEL veröffentlicht hat – Die Kälte. Eine Isolation (1981) von Thomas Bernhard aufschlug, schien ich von meiner hypochondrischen Eintagsambition längst geheilt und war mir keiner Gefahr eines Rückfalls bewusst.

Gleich mit dem ersten Satz wurde ich hineingestoßen: in die Lungenheilstätte Grafenhof, die ganz anders als das Sanatorium aus Thomas Manns Zauberberg keine orientierungslose Hotelgesellschaft, sondern „ein Schreckenswort“ ist. Zwar wird auch hier ein (halbwegs) Gesunder zum Kranken gemacht, zwar werden auch hier Liegezeiten in der Liegehalle verbracht, zwar wird auch hier die Zeit vergessen. Vor allem aber wird in Grafenhof Auswurf produziert und in Spuckflaschen gespuckt – und wenn kein Auswurf kommt, wird mit unbedingter Willensanstrengung gegen den Schmerz so lange weitergespuckt, bis endlich Sputum in der Flasche landet. An diesem Ort der Härte wird Bernhard sich das Leben nicht wie Hans Castorp in der ‚Horizontalen’ einrichten: „Ich klammerte mich an das Bild, das mir mein Kapellmeisterfreund zeigte, die optimistische Haltung, die absolute Existenzbejahung, dieser Weg ist auch ein Weg für mich, hatte ich gedacht, hier habe ich ein Vorbild.“

In einer anpackenden Direktheit erzählt Bernhard – ein Stück weit vermutlich sich selbst – die mit der Geschichte vom unbekannten Vater und dem Krebstod der Mutter verwobene Erzählung eines eigensinnigen Patienten, der gegen die Krankheit und durch diese hindurch weiter über sein Leben verfügen will, der seine Therapie deshalb selbst in die Hand nimmt und die Medikation nicht mehr den arroganten Verwaltern des Elends im Arztkittel überlässt, der sich am Ende schließlich trotz einer Lungenembolie selbst entlässt: „…ich weigerte mich und fuhr nicht mehr hin.“ Auch wenn es wahr sein sollte: allerbeste Selbstmythifizierung.

Einen zentralen Bestandteil der Rebellion Bernhards bilden die entgegen des ausdrücklichen Verbots zunehmenden Spaziergänge in das zum Grafenhof nächstgelegene Dorf, wo er unter anderem Bleistift und Papier erwirbt. Gleichzeitig setzt erstmals seit der Einweisung die Lektüre wieder ein: Verlaine, Trakl und Baudelaire werden erwähnt, vor allem aber liest er Die Dämonen (1873) von Dostojewski: „…ein Buch von dieser Unersättlichkeit und Radikalität […] hatte ich vorher in meinem Leben nie gelesen… […] Die Ungeheuerlichkeit der Dämonen hatte mich stark gemacht, einen Weg gezeigt, daß ich auf dem richtigen Weg sei, hinaus. Ich war von einer wilden und großen Dichtung getroffen, um selbst als ein Held daraus hervorzugehen.“

Sofort habe ich Lust, dieses im Grunde doch ganz unheroische Lieblingsbuch, das ich über das letzte Jahr hinweg fast allen Freunden und Freundinnen zum Geburtstag geschenkt habe, noch einmal zu lesen; das aber wäre momentan ein schlicht zu weiter Umweg. Bernhard, der bis hierhin bloß Sputum und keinen Text ausgeworfen hat, versucht in Konsequenz der Lektüre auf unzähligen Zetteln das Erlebte festzuhalten, es vor der Schwäche seines Hirns zu ‚retten’. Krankheit, Lektüre, Schreiben, das scheint neben dem Gesang ein sinnvoller Weg zurück in die Welt.

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