Kneeling im US-Sport

Die letzten dreieinhalb Monate habe ich an der Princeton University in den USA verbracht. In dieser Zeit habe ich mehrere College-Sport Veranstaltungen auf dem Campus besucht. Ein bestimmtes Ritual war Bestandteil aller Begegnungen: Vor den Partien wurden alle Anwesenden aufgefordert, sich zu erheben und ihre Mützen und Hüte abzunehmen, während die Nationalhymne gespielt wurde. Bei einer Begegnung im Damen-Basketball legten sich viele Zuschauerinnen und Zuschauer mit Blick auf die US-Flagge die rechte Hand auf die Brust, die schwarzen Spielerinnen allerdings knieten für die Dauer der Hymne nieder.

Für den Moment war ich mit der Tatsache beschäftigt, dass im Rahmen des College-Sports überhaupt die Nationalhymne gespielt wurde und habe deshalb über diese Geste kaum weiter nachgedacht. Ich vermutete einen Moment der inneren Sammlung, wie ich ihn zuvor bereits beim Football beobachtet hatte: Erst nach Abspielen der Nationalhymne waren die Spieler dort durch einen Spalier aus Marching Band und Cheerleadern in das Stadion eingelaufen. Während einige in der Coaching-Zone in der Mitte des Feldes stehen geblieben waren, um letzte Motivationssprünge und Dehnübungen auszuführen, liefen andere weiter bis zur Nordstirn des Feldes, wo sie in Richtung der US-Flagge niederknieten und beteten.

Princeton Tigers kneeling.

Auch die Basketballerinnen schienen zu beten oder ihre Konzentration zu sammeln. Erst später erfuhr ich, dass sie für ihre Haltung Vorbilder hatten und darin offenbar einen Protest gegen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft ausdrücken wollten. Einige Monate zuvor hatte sich der Footballprofi Colin Kaepernick während des Spielens der Nationalhymne auf den Boden gesetzt, um gegen Polizeigewalt an Schwarzen zu protestieren. Kaepernick wiederholte das Sitzen, andere schwarze Athletinnen und Athleten folgten ihm, indem sie vor ihren eigenen Partien niederknieten.

Diese Aktionen haben viel Zustimmung, aber auch massive Ablehnung erfahren. In einer Stellungnahme zu einer Nachfolgeaktion forderte der NFL-Club Miami Dolphins dazu auf, während der Hymne aufrecht zu stehen [to stand in attention]. Ein Artikel auf VICE Sports stellt die Konsequenzen dar, die das Kneeling für einen Highschool-Football-Spieler aus Ohio hatte: neben positiven Rückmeldungen wurde er in der fast ausschließlich von weißen Kindern besuchten Schule sozial isoliert, vor allem aber auch über das Internet weiter rassistisch beleidigt. Auf Wikipedia werden mehrere Umfragen zitiert, in denen die Demonstrationen während der Nationalhymne für den Rückgang der Zuschauerzahlen in der NFL verantwortlich gemacht werden: Patrioten fühlten sich gekränkt, 32% der befragten Amerikaner hätten angegeben, dass die Black Lives Matter-Proteste für sie ein Grund seien, sich die Übertragungen eher nicht mehr anzusehen. Anstatt das Kneeling zum Ausgangspunkt für eine Diskussion über Rassismus zu nehmen, wird den Protestierenden unpatriotisches Verhalten vorgeworfen. Die mögliche Einsicht, dass das Spielen der Nationalhymne auf Sportveranstaltungen an sich schon absurd ist, erscheint nicht einmal am weitesten Horizont.

Das in der knienden Haltung adressierte Problem wird so reproduziert, indem gleichzeitig versucht wird, ihre Motive zu neutralisieren. In einem Interview mit der französischen Zeitung Le Monde hat der amerikanische Schauspieler Wendell Pierce die mediale Berichterstattung über das Niederknien der Athletinnen und Athleten in dieser Hinsicht kommentiert: „Le problème, c’est que les médias en viennent ensuite à monter en épingle les gestes de protestation des acteurs ou des sportifs, et non le motif de leur protestation… On commente le fait qu’untel mette un genou à terre, mais pas pourquoi il le fait!“ Die Geste wird reduziert: auf eine bloße Geste. Im Fokus auf das Spektakel soll sie entpolitisiert werden. Eine Unterbrechung bleibt sie dennoch.

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