Das Ende der Unterscheidungen

Dave Eggers Roman The Circle (2013)

Als im Oktober 2013 Dave Eggers Roman The Circle erschien, war der Skandal um die vom ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden enthüllten Spionageprogramme der US-Regierung gerade einmal vier Monate alt. Die in einer als Synthese von Facebook, Google und Twitter charakterisierten Firma situierte Geschichte schien damit perfekt in das schockierte Klima der just ausgerufenen Big-Data-Apokalypse zu fallen. Schließlich beschreibt Eggers die Wirklichkeit eines Systems, in dem Mensch und Leben auf deren quantifizierbaren Elemente reduziert, die Idee individueller Freiheit zugunsten eines Phantasmas absoluter Sicherheit durch umfassende Überwachung aufgegeben und das Geheimnis als Konstitutiv demokratischer Willensbildung im Zeichen der Transparenz kriminalisiert werden.

Ein Jahr später lässt sich The Circle als Erinnerung an ein ungelöstes Problem lesen. Schließlich warnt der Roman nicht vor staatlicher Überwachung, sondern macht vielmehr den Fatalismus einer Symbiose von Infokommunismus und neoliberalem Kapitalismus als Fundament der Innovationsideologie des Silicon Valley sichtbar. Während Facebook und Google sich mittlerweile als Opfer der NSA gerieren und ihren Nutzern zur Rettung des eigenen Geschäftsmodells wenn schon nicht Datensouveränität, so doch maximale Sicherheit versprechen, erinnert der Roman daran, dass ein Umgang mit der wachsenden Datenmacht von Privatunternehmen noch nicht gefunden ist.

Die Firma The Circle zumindest macht von ihrer Macht maximalen Gebrauch: auf dem Rücken der Faulheit und Angst ihrer Kunden unterwirft sie sich in einem philanthropisch gefärbten Spektakel technologischer Omnipotenz sukzessive alle Bereiche der Gesellschaft, insbesondere die Politik. Wer sich ihren in orwellschem Newspeak verfassten, infantil-banalen Transparenzmaximen – Secrets are lies. Sharing is caring. Privacy is theft. – nicht beugen will, wird durch geschickt platzierte, kompromittierende Datenfunde auf der ehemals privaten Festplatte aus dem Weg geräumt. Completion lautet das Ziel der Firma: die Schließung des Kreises als Zustand totaler Information. Kein Mensch wird ohne einen Account bei The Circle am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, kein Gedanke außerhalb des Kreises gedacht. Die optische Täuschung besteht bloß darin, dass die ökonomischen und machtpolitischen Interessen der Firmenköpfe selbst unsichtbar bleiben.

Der Unterschied zwischen dem von Eggers beschriebenen Totalitarismus der Digitaltechnologien und staatlicher Repression mag darin bestehen, dass ersteren die Unterwerfung ihrer Nutzer durch das Versprechen auf Nützlichkeit und die Steigerung der eigenen Individualität innerhalb einer Gemeinschaft auf der gewaltfreien Basis pragmatistischer Freiwilligkeit gelingt. So wird auch der Aufstieg der Protagonistin Maebelline Renner Holland von ihrer Stelle in der Abteilung für CostumerExperience zur Firmenikone mit Millionen Followern weltweit primär als Geschichte einer Beugung des Eigensinns erzählt. „You realize that community and communication come from the same root word, communis, Latin for common, public, shared by all or many?” Mae, die Alleinsein nicht erträgt, weil sie außer Sentimentalität keine Qualitäten besitzt, möchte dieser Gemeinschaft um jeden Preis angehören. So beginnt sie bereitwillig all das an sich zu hassen, was einmal Persönlichkeit geheißen hätte: „this self who couldn’t seem to get out of her own way“. Mit jeder neuen, vom Lustprinzip getriebenen Überschreitung der Kommunikationsprinzipien des Circles – etwa einer nicht sozial geteilten Kajakfahrt in der San Francisco Bay oder der heimlichen Klosex-Affäre mit dem mysteriösen Phantom Kalden – wird sie kein Selbstbewusstsein ausbilden, sondern Schuldgefühle auf sich laden, die ihr einen kitschigen Riss zufügen: „…when she closed her eyes she saw a tiny tear in what seemed to be black cloth, and through this tiny tear she heard the screams of millions of invisible souls.“ Was im Modus der Befindlichkeit als billigster Form von Innerlichkeit auf einen kargen Rest von Widerstand gegen den Totalitarismus des Kreises verweist, wird von der indoktrinierten Mae einem Mangel an Informationen zugeschrieben. Weil sie keinerlei Urteilskraft besitzt und bis zur absoluten Dummheit naiv ist, kann sie die Ursache ihres Problems fälschlicherweise für dessen Heilung halten und wird sich fortan restlos kommunizieren.

Das Teilnehmungsgefühl und das Vermögen, sich „innigst und allgemein mitteilen zu können“, wurden von Immanuel Kant einmal als „die der Menschheit angemessene Glückseligkeit“ ausmachend beschrieben. Dies steht unter der Bedingung von Freiheit. Wenn diese freien Vermögen jedoch unter einen praktischen Kommunikationszwang gestellt werden, vollzieht sich nicht bloß eine neuer Strukturwandel entlang der Unterscheidung von öffentlichem und privatem Raum: Als Symbol der Totalität wird der geschlossene Circle die Unterscheidung innen/außen selbst nivellieren und damit nicht bloß gemäß der eigenen Marketingrhetorik wieder einmal ›die Welt verändern‹, sondern auch das Selbstverständnis des Menschen. Ist diese Unterscheidung einmal aufgehoben, wird Mae sich vor ihrem ›Selbst‹ nicht mehr fürchten müssen: die Möglichkeit eines letzten geheimen Glaubens an genuine Innerlichkeit ginge verloren, wäre diese doch nur noch reduziert aufs Mitteilbare und dann auch veräußerte zulässig. Was sich der Darstellung, Quantifizierung und Verwertung entzieht, darf nicht mehr existieren. Mit weniger Essentialismusverdacht gewendet erstickt damit auch jegliche Form persönlicher Souveränität aus kritischem Denken im blinden Positivismus der ›community‹. Dabei heißt der Benutzeraccount des Circles TruYou: Keine postmoderne Philosophie hat eine so fundamentale Verabschiedung des Subjekts gedacht, deren Radikalität gerade darin besteht, dass Fetischisierung und Auslöschung des Selbst in Eins fallen.

Damit hat Eggers einen realistischen Roman geschrieben, der auf positive Art unangenehm ist, weil seine Wahrheit durch das Höchstmaß an Gegenwärtigkeit so banal wie dringend scheint. Als Literatur jedoch ist The Circle schlichtweg platter Müll. Kann die Glätte der Sprache noch als Mimikry an die Designoberflächen digitaler Lebenswelten und damit als Teil der These verstanden werden, wird die ästhetische Verflachung insbesondere dann peinlich, wenn Eggers seine zutreffende Analyse in einer sehr simplen Allegorie gipfeln lässt. Darin werden die drei Köpfe der Firma – das technische Ideenwunderkind Ty Gospodinov, der Datenvisionär Eamon Bailey und der Kapitalist Tom Stenton – repräsentiert durch ein Seepferd, eine Krake und einen Hai, in einem riesigen Aquarium zusammengeführt. Entgegen der naiven Erwartungen der Figuren geschieht das Unausweichliche: innerhalb von Sekunden tötet der Hai die anderen Tiere und scheidet sie sogleich als weiße Asche wieder aus. Zu linear lässt diese Allegorie sich in ›Bedeutung‹ auflösen, zu offensichtlich wird Literatur damit zur Trägerin einer eindeutigen ›Aussage‹ degradiert und zu falsch ist das Bild einer finalen Zusammenführung letztendlich, weil Seepferdchen und Krake niemals unabhängig von den Imperativen des kognitiven Kapitalismus existiert haben.

Umso unglaubwürdiger ist es, dass ausgerechnet der als Ty enttarnte Kalden zur einzigen, noch rechtzeitig von Mae erstickten Stimme wird, die in einem Plädoyer für die Rights of Humans in a Digital Age das Recht auf Anonymität und Verschwinden, den Wert des Unmessbaren, den Unterschied zwischen Wissen und Information sowie die Unverletzlichkeit des Privaten einzuklagen versucht. Im Rest der Firma herrscht allseitige Mitmachidiotie und auch die wenigen verbliebenen Figuren außerhalb des Circle bleiben zu einer fruchtbaren, kritischen Perspektive völlig ungeeignete Kollateralmasse. Maes Ex-Freund Mercer ist in seinem resoluten ›Nein‹ ein stumpfer Waldgänger, dessen spektakulärer Tod in keinem Verhältnis zu seiner geistigen Unterkomplexität steht. Ihre Eltern taugen bloß als traurige Beispiele überforderten Kleinbürgertums: krank, bald tot, schon jetzt vollkommen aus der Zeit gefallen. Von der Figur des gefräßigen Kapitalistenhais abgesehen bleiben alle Opfer.

Nun soll aber das Innen des Romans offensichtlich auch sein Außen sein. Nicht nur prägt die beschriebene Ideologie zunehmend die westlichen Gesellschaften, auch sind die technischen Entwicklungen von The Circle zum großen Teil bereits möglich oder sogar wirklich. Allein durch die demgegenüber entweder aus willenloser Euphorie oder konservativer Resignation resultierende Ohnmacht seiner Figuren fordert der Roman die Arbeit an einer anderen Haltung gegenüber sozialen Technologien ein. Bearbeitungsversuche des Problems dürfen auf keine politische Lösung ›von oben‹ hoffen, sondern erfordern je individuelle Arbeit an der geteilten Verblendung.

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