Bras Dessus, Bras Dessous

Streik an der Université Paris VIII – Vincennes – Saint Denis

Die Université Paris VIII – Vincennes – Saint-Denis liegt nördlich von Paris an der Endstation der aus abergläubischen Überresten und alltäglicher Überfüllungsfrustration verfluchten Linie 13 der Métro. Direkt gegenüber der Station befindet sich der einzige Eingang zum komplett umzäunten Gelände. Hier drängen die Studierenden durch einen Flugzetteltrichter in das sanierungsbedürftige Universitätsgebäude. „Assemblée générale à neuf heure! Assemblée générale!“ Die heisernen Rufe überschneiden sich, bilden einen grobmaschigen Stimmenteppich. Arme fuchteln durch die Luft, Körper versperren den Weg. Dieser Konfrontation zu entgehen macht die Enge der Architektur unmöglich.

Die Meisten bleiben trotzdem desinteressiert: aus Gewohnheit wird der tägliche Revolutionsaufruf schnell zu einem Ritual der Verdrängung. Dabei ist Paris VIII als Reformuniversität direkt aus der 68er-Bewegung hervorgegangen, Streik und Protest integraler Bestandteil ihres Mythos. Anfang 1969 fanden die ersten Seminare in Vincennes statt, in den achtziger Jahren wurde die Universität dann nach Saint-Denis verlegt. Gelehrt haben hier Foucault, Deleuze, Guattari, Lyotard, Lacan, Rancière, Agamben, u.v.m. Das politische Selbstverständnis ist klar: sehr sehr weit linksaußen. Doch so, wie die großen Namen ehemaliger Professoren bloß noch eine vage Erinnerung sind, deren intellektuelle Verheißung im Stumpfsinn eines zumeist diskussionslosen Frontalunterrichts zunehmend verblasst, scheint auch der politische Impetus der Universität an Kraft verloren zu haben. Kürzlich kamen zwei Aktivisten mit Flugzetteln regelrecht in den Seminarraum geschlichen. Höflich und schlaff kündigten sie eine Vollversammlung an, woraufhin die Dozentin es freistellte, das Seminar zu verlassen. Nur ein Bruchteil ergriff die Chance, neben mir flüsterten sich zwei Studentinnen zu: „Willst du an der Versammlung teilnehmen?“ – „Nein, dieses Semester hat noch keine Woche normaler Unterricht stattgefunden, ich will jetzt hier bleiben.“

Um auch die Letzten aufzurütteln (effektiv: zu nerven), wird ihnen also weiterhin der Weg ins Gebäude unterbrochen. An den offiziellen, landesweiten Streiktagen hatten AktivistInnen den Zugang zur Universität sogar komplett durch Tische, Stühle und Kettenschlösser an den Türen verbarrikadiert. Der einzige, freibleibende Weg wurde so umgeleitet, dass er zwangsweise in genau dem Hörsaal endete, in dem die Generalversammlung stattfand. Der Großteil derjenigen, die nicht direkt im Bett liegen geblieben waren, kehrte allerdings direkt wieder um und fuhr zurück nach Hause.

So auch an dem Donnerstag, an dem ich an einer der Generalversammlungen teilgenommen habe. Die Veranstaltung begann damit, dass sich ein Komitee zum Vorsitz vorschlug und basisdemokratisch von den Anwesenden durch Abstimmung bestätigen ließ. Nach einer allgemeinen Einleitung in die Problematik und den Ablauf der Veranstaltung wurde das Rederecht durch eine Liste geregelt, in die sich jede(r) eintragen lassen konnte. Die Redezeit war streng auf drei Minuten beschränkt.

Aufgrund meiner sprachlichen Mängel und einer Tonanlage, in der die Hälfte des Gesagten verschluckt wurde, habe ich inhaltlich bei weitem nicht alles verstanden. Ersichtlich war lediglich, dass immer die gleichen Leute herkommen – die Veranstalter kannten fast alle RednerInnen beim Vornamen – und dass sich, anders als in Deutschland, nicht bloß weiße Mittelstandskinder mit Dreadlocks und kartoffelsackartigen Batikhosen politisches Engagement in den Lebenslauf schreiben, sondern oft aus einer von der gesamten Banlieu-Universität inkorporierten, sozial marginalisierten Position gesprochen wurde, die an deutschen Universitäten – und in Frankreich in dieser Form vielleicht nur hier auf repräsentative Art – schlichtweg nicht existiert.

Das mag übrigens nicht darüber hinwegtäuschen, dass die politischen Floskeln exakt die gleichen waren wie auf vergleichbaren Veranstaltungen in Deutschland. Die  berühmte Idee vom „Schulterschluss“ mit den „Arbeitern“ hält sich hartnäckig und wer sich im 21. Jahrhundert als „Trotzkist“ oder „Maoist“ bezeichnet, dem fehlt es schlichtweg an Urteilskraft.

Eine Unterbrechung entstand durch das plötzliche Auftauchen eines mit zwei Kameras ausgerüsteten Fotografen hinter dem Vorstandskomitee, der Aufnahmen vom Publikum machen wollte. Eine junge Frau begann, sich lauthals aufzuregen: „Wer ist dieser Mann und wieso macht er hier ohne zu fragen Fotos?“ Wie vor ein Tribunal musste der Fotograf an das Mikrofon treten, sich vorstellen und darlegen, im Auftrag welcher Zeitungen er arbeitete. Anschließend wurde abgestimmt, ob man ihn dulden wolle oder des Raumes verweisen. – Er durfte bleiben. Diejenigen, die nicht fotografiert werden wollten, mussten sich auf eine bestimmte Seite des Saales umsetzen.

Später gewann die Versammlung durch drei Redner an Temperament, die sich nicht mehr bemühten nach vorne zu treten und durch das Mikrofon zu sprechen, sondern im Stehen von ihren Plätzen aus und von ganzem Herzen zu emotional angestachelten Aufrufen ansetzten, die mit gehörigem Getose aufgenommen wurden. Im Grunde aber erzählten sich hier Gleichgesinnte, was sie ohnehin schon immer wussten, worüber sie schon beim letzten Mal einhelliger Meinung waren und wozu sie sich schon unzählige Male gegenseitig applaudiert hatten.

Obgleich von der potentieller Weise – wobei es sich hier vielleicht um eine romantisierende Zuschreibung handelt – radikalen Position des Randes aus gesprochen wurde, konnte die Veranstaltungen aufgrund ihres selbstreferentiellen und letztendlich anachronistischen Charakters kaum politische Valenz generieren. Wieder politisch wurde die Assemblée eher dadurch, dass eine der Vorsitzenden sich gezielt als letzte auf die Rednerliste setzen ließ, um die Hoheit über das Schlusswort zu wahren. Politische Ambition kümmert sich auch hier primär um die Pflege der eigenen (Ohn)macht.

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