Pablo Garcia / Addie Wagenknecht: Webcam Venus (2013) [NSFW]

Das gerade einmal zwei Minuten und einundvierzig Sekunden lange Video Webcam Venus (2013) beginnt relativ nichtssagend: mit einem kreisenden Buffering-Symbol. Das erste Bild zeigt einen jungen Mann im Kapuzenpullover, der etwas nachdenklich an der Kamera vorbeischaut. Im zweiten Bild ist eine junge Frau mit neutralem Gesichtsausdruck zu sehen. In einem schwarzen Negligé liegt sie bäuchlings auf dem Sofa, in ihrer Brille spiegelt sich der Monitor eines Laptops. Das dritte Bild zeigt ein älteres Pärchen, das ruhig nebeneinandersitzt, die Frau hat ihren Kopf auf der Schulter des Mannes abgelegt, in dessen Brillengläsern ebenfalls zwei helle Bildschirm-Rechtecke flimmern. Alle drei Aufnahmen scheinen von Webcams gefilmt. Pablo Garcia / Addie Wagenknecht: Webcam Venus (2013) [NSFW] weiterlesen

Kneeling im US-Sport

Die letzten dreieinhalb Monate habe ich an der Princeton University in den USA verbracht. In dieser Zeit habe ich mehrere College-Sport Veranstaltungen auf dem Campus besucht. Ein bestimmtes Ritual war Bestandteil aller Begegnungen: Vor den Partien wurden alle Anwesenden aufgefordert, sich zu erheben und ihre Mützen und Hüte abzunehmen, während die Nationalhymne gespielt wurde. Bei einer Begegnung im Damen-Basketball legten sich viele Zuschauerinnen und Zuschauer mit Blick auf die US-Flagge die rechte Hand auf die Brust, die schwarzen Spielerinnen allerdings knieten für die Dauer der Hymne nieder. Kneeling im US-Sport weiterlesen

The Port Welcomes the Citizens

Im Hafen von Piräus läuft nicht nur humanitär, sondern auch semantisch vieles durcheinander. Bericht eines Besuchs vom 16. März 2016.

Als ich letzte Woche Mittwoch vor einem Camp im Hafen von Piräus saß und eine Frau aus Syrien neben mir Platz nahm, dauerte es einen Moment, bis ich ihre Begrüßung ‚καλημέρα‘ als das griechische Wort für ‚guten Tag‘ eingeordnet hatte. Da die Frau kein Englisch sprach und ich kein Arabisch, verblieb unsere Unterhaltung im Stocken. Mit Handzeichen fragte sie mich, warum ich einen so dicken Schal trage, mimte ein Husten und zeigte auf einen Container des Roten Kreuzes, der vor der zwischen drei Lagerhallen situierten Unterkunft aufgebaut war und vor dem Männer und Frauen Schlange standen. The Port Welcomes the Citizens weiterlesen

Thomas Bernhard: ‚Die Kälte‘ (1981)

Keine zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich mir infolge der Diagnose Asthma bronchiale für einen kurzen, schreckhaften Moment die Möglichkeit einbildete, in der Tradition von Proust und Kafka lungenkranker Schriftsteller zu werden. Was mir damals weniger als ein nun naheliegender Beruf, denn als eine physische Anrufung erschien, hat sich in der Zwischenzeit in keinerlei literarischer Anstrengung manifestiert. Offensichtlich ist meine Krankheit nicht stark genug, um so etwas wie ‚Talent’ hervorzubringen und auch der Gedanke an das Schicksal eines frühen Todes mag mich davon abgehalten haben, diesen Weg konsequent zu verfolgen. Als ich gestern am frühen Abend – angeregt von einer Rezension, die Rainald Goetz 1981 in DER SPIEGEL veröffentlicht hat – Die Kälte. Eine Isolation (1981) von Thomas Bernhard aufschlug, schien ich von meiner hypochondrischen Eintagsambition längst geheilt und war mir keiner Gefahr eines Rückfalls bewusst. Thomas Bernhard: ‚Die Kälte‘ (1981) weiterlesen

Pictorial Entertainment Light

Die Ausstellung New For Now. The Origin of Fashion Magazines im Rijksmuseum, Amsterdam (12. Juni – 27. September 2015)

Auch als Echo auf das Aufkommen von Fashionblogs und die Diskussion um deren – von ‚oben’ zunächst arrogant belächeltes, von ‚unten’ vorschnell als ›Demokratisierung der Mode‹[1] euphorisiertes – strukturwandlerisches Potential in Konkurrenz zu etablierten Printmagazinen, hat eine Auseinandersetzung mit der Geschichte europäischer Modezeitschriften in den vergangenen Jahren an Kontur gewonnen. Mit New for Now. The Origin of Fashion Magazines widmet nun das Rijksmuseum in Amsterdam den frühen Magazinen und ihren Vorläufern eine Sonderausstellung. Diese umfasst eine Zeitspanne vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert und situiert sich damit dezidiert vor der Entstehung der Modephotographie. Pictorial Entertainment Light weiterlesen

Heitere Momente des Als-Ob

The Knife in der Columbiahalle, Berlin (11. Mai 2013)

Als The Knife 2006 ihr erstes Konzert spielten, hatten sie mit Silent Shout bereits ihr drittes Studioalbum veröffentlicht. Ihre bis dahin ungelöste Frage, wie sich elektronisch produzierte Musik jenseits eines bloßen Playbacks in einer Bühnensituation präsentieren ließe, beantwortete das schwedische Geschwisterpaar mit einer hochgradig theatralen Inszenierung, die das musikalische Liveelement auf den Gesang und einzelne Drumspuren reduzierte. Sowohl am vorderen Bühnenrand als auch am Bühnenhorizont waren Leinwände installiert, die mit aufwändig produzierten, die Musik illustrierenden Visuals projiziert wurden. Hinter dem in schwarzen Overalls gekleideten und mit Latex maskierten Duo befand sich eine Staffel neonbunter Scheinwerfer, die, vom Rhythmus der Musik getriggert, deren bereits visuell überschriebene Körper gänzlich in ein springendes Schattenspiel auflösten. Heitere Momente des Als-Ob weiterlesen

Das Ende der Unterscheidungen

Dave Eggers Roman The Circle (2013)

Als im Oktober 2013 Dave Eggers Roman The Circle erschien, war der Skandal um die vom ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden enthüllten Spionageprogramme der US-Regierung gerade einmal vier Monate alt. Die in einer als Synthese von Facebook, Google und Twitter charakterisierten Firma situierte Geschichte schien damit perfekt in das schockierte Klima der just ausgerufenen Big-Data-Apokalypse zu fallen. Schließlich beschreibt Eggers die Wirklichkeit eines Systems, in dem Mensch und Leben auf deren quantifizierbaren Elemente reduziert, die Idee individueller Freiheit zugunsten eines Phantasmas absoluter Sicherheit durch umfassende Überwachung aufgegeben und das Geheimnis als Konstitutiv demokratischer Willensbildung im Zeichen der Transparenz kriminalisiert werden. Das Ende der Unterscheidungen weiterlesen

Gastprofessor Goetz

Bericht über die Heiner-Müller-Gastprofessur mit Rainald Goetz am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin (Sommersemester 2012)

Es beginnt mit einer Hassempfindung. (Rainald Goetz)

Seit der Antrittsvorlesung im Mai 2012 und den folgenden Seminarterminen ist viel veröffentlicht und im Privaten vermutlich noch weitaus mehr geschrieben worden über die Heiner-Müller-Gastprofessur von Rainald Goetz am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin: Presseartikel, Blogs aus dem Seminarraum, nicht zuletzt ein Artikel in der Augustausgabe des Merkur. Nachdem Goetz sich über längere Zeit öffentlichen Auftritten entzogen hatte, schwingt sich im Jahr der Veröffentlichung seines neuen Romans Johan Holtrop eine gesteigerte Begierde nach dem Autor auf, die von diesem durch eine gemeinsam mit Diedrich Diederichsen an der Humboldt Universität Berlin gehaltene Veranstaltung unter dem Titel mehr, später mit der medienwirksamen Inszenierung seiner Buchübergabe an die in den Suhrkamp-Verlag eingeladenen Kritiker nicht nur bedient, sondern direkt angefacht wurde. Gastprofessor Goetz weiterlesen

Bras Dessus, Bras Dessous

Streik an der Université Paris VIII – Vincennes – Saint Denis

Die Université Paris VIII – Vincennes – Saint-Denis liegt nördlich von Paris an der Endstation der aus abergläubischen Überresten und alltäglicher Überfüllungsfrustration verfluchten Linie 13 der Métro. Direkt gegenüber der Station befindet sich der einzige Eingang zum komplett umzäunten Gelände. Hier drängen die Studierenden durch einen Flugzetteltrichter in das sanierungsbedürftige Universitätsgebäude. „Assemblée générale à neuf heure! Assemblée générale!“ Die heisernen Rufe überschneiden sich, bilden einen grobmaschigen Stimmenteppich. Arme fuchteln durch die Luft, Körper versperren den Weg. Dieser Konfrontation zu entgehen macht die Enge der Architektur unmöglich. Bras Dessus, Bras Dessous weiterlesen